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Die Meister der Aquarelltechnik
Die Meister der Aquarelltechnik lernte ich in den Jahren 1985 - 90 während meines Studiums an der Akademie für Kunst und Kultur in Leningrad, wie es damals noch hieß, kennen. Fasziniert von den Werken mit ihrer großen Ausstrahlung, verbunden mit höchstem handwerklichen Können, entschloss ich mich 1989, die damals 7 Künstler als Gruppe zusammenzufassen und ihre Bilder einem größeren Publikum zugänglich zu machen. Inzwischen waren die Bilder in der Eremitage in St. Petersburg, in Washington, Prag, London, New York und in mehreren Orten in Deutschland zu sehen gewesen und genossen hohe Anerkennung, zumal sie in einer der schwierigsten Techniken, des Aquarells, gemalt sind. Die Gruppe besteht jetzt aus 11 jungen Künstlern, die vornehmlich mit Wasserfarbtechniken experimentieren.
Im Gegensatz zur Darstellung des Menschen im sozialistischen Realismus in seiner Gigantomanie finden wir hier Darstellungen von Gegenständen des täglichen Lebens in ihrer großen Einfachheit. Wir sehen nicht den Menschen, aber wir sehen seine Spuren in und auf den Dingen: in einer geschälten Mandarine, in Blumen, Töpfen oder verschiedenen Gläsern aus dem Haushalt. Wir sehen Stillleben, die uns magisch in ihren Bann ziehen: Selbst beim Betrachten mit der Lupe erscheint die Holzmaserung oder die Textur eines Tischtuches und seiner Fransen noch realistisch, sogar überrealistisch. Die Bilder sind ja auch, zum größten Teil zumindest, mit der Lupe gemalt. Die Künstler erzeugen Illusionen wie Magier, indem sie im einfachsten Sujet höchste handwerkliche Perfektion zum Ausdruck bringen. Die Bilder selbst sind schlicht im Ausdruck, bescheiden im Format. Eben dies verleiht aber auch dem kleinsten Detail größte Bedeutung und verlangt eine meditative Betrachtungsweise. Dies findet seine Entsprechung in der verwendeten Technik: Die Bilder sind in zwei Aquarelltechniken gemalt, die erste wird auf traditionelle Weise grundiert, mit einer Mischung von bis zu 19 Naturkomponenten wie z.B. Eiweiß, Eigelb und Weißwein. So haben seit jeher auch die Ikonenmaler ihre Werke behandelt. Die zweite Technik ist die bekannte klassische Aquarellmalerei und in unserem Fall die sogenannte Lupenmalerei. Die besonderen Bildstrukturen entstehen durch die Verwendung feinster Pinsel (sogenannter Einhaarpinsel); Strich für Strich erfolgt der Farbauftrag, die fertigen Bilder wirken dabei dennoch kompakt. Lichteffekte entstehen durch Kratzen in der Farbschicht (bei Aquarell auf Grund), was dem gesamten Gemälde eine dreidimensionale Wirkung verleiht und zu dem überrealistischen Eindruck beiträgt. An dieser Stelle darf ich erwähnen, dass die Arbeit mit Aquarellfarben keine Fehler erlaubt. Übermalen von nicht gelungenen Bildteilen ist, im Gegensatz zur Öl- oder Acrylmalerei, nicht möglich. Ich kann die Art der Aquarellmalerei der Magischen Realisten nicht mit anderen vergleichen, da es meines Wissens keine gibt. Zum einen hat jeder Künstler erst ein Studium an einer staatlichen Kunsthochschule abgeschlossen, bevor er dann aufbauend für weitere sechs Jahre an der Repin-Kunstakademie studierte, um sein Können zu perfektionierten. Das daraus entstandene Wissen, zum Beispiel über das Mischen der Aquarellfarben - die Künstler benutzen ausschließlich Farben eines einzigen Herstellers aus St. Petersburg, der einen nur aus 24 Farben bestehenden, auf Natur-Basis, d.h. aus Pigmenten und Honig, hergestellten Satz verkauft - ist ebenso einzigartig wie das Können, in der Aquarelltechnik mit Gold zu malen oder Bildhintergründe aus drei übereinander gelegten Farbschichten zu erschaffen [wie z.B. bei Jusup Chanmagametov]. Details in den Werken wie beispielsweise Sprünge in einem Tonkrug sind nur mit einer Lupe, nicht mit dem bloßen Auge zu erkennen. Zum Anderen zeichnet die Künstler eine gänzlich andere Mentalität als die uns bekannte und vertraute westliche aus. Im Einzelnen sind dies besonderes handwerkliches Können, Improvisationstalent, Furchtlosigkeit vor Herausforderungen und Eigenverantwortung. Die Lebensumstände, die nicht anders als äußerst bescheiden zu nennen sind, begründen die Vorgehensweise fast aller Künstler der Gruppe. Ihr Atelier ist zugleich ihre Wohnung, demnach sind viele Gegenstände, die Sie auf den Bildern finden werden, auch tatsächlich im Gebrauch des Künstlers; man kann sich auch gut vorstellen, dass eine Tasse erst zum Motiv wird, nachdem sie durch jahrelange Benutzung oder ein Missgeschick zerbrochen ist. Eine Authentizität, die so ehrlich und unverdorben heutzutage kaum mehr zu finden ist. Auch der Zeitaufwand spiegelt dies wider: jeder Künstler benötigt zwischen zwei Wochen und zwei Jahren, um ein Bild Fertigzustellen. Aus allen diesen Gründen bin ich der Überzeugung: Was die „Magische Realisten“ machen, ist heute modern und einmalig.
Ich hoffe, mit meinen Ausführungen konnte ich Ihnen den Zugang zu diesen Bildern erleichtern. Viktor Hansch
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